Foto: Kurtis Garbutt

“Einfach nur ein Bier, bitte!” ☝️

In Zeiten, wo die Auswahl an Bier langsam aber sicher ein bisschen diverser wird, hört man es auch immer wieder, dass jemand bitte gerne “einfach nur ein Bier” oder “ein normales/einfaches Bier” hätte. Das ist ein beeindruckendes Testament dafür, wie sich unsere Wahrnehmung und Sprache komplett verschoben und dem Zeitalter des zügellosen Wachstums unterworfen haben.

Warum? Fangen wir beim “normalen/einfachen Bier” an. Wenn jemand ein “normales Bier” bestellt, ist immer ein helles Lager – bei uns in Österreich gerne auch Märzen genannt – gemeint. Dieser Stil an Bier dominiert nicht nur bei uns, sondern global den Biermarkt. Aber wenn vom “einfachen” Bier gesprochen wird, ist selten ein Bier von kleinen, “einfachen” Betrieben wie Toni Bräu oder Pockbier gemeint. Stattdessen geht es um in Fabriken unter der Maxime der Gewinnmaximierung hergestelltes Industrielager. Süß, ohne viel Hopfencharakter, sauber filtriert. Wir alle sind damit aufgewachsen, haben es bereits jahrelang konsumiert, bevor wir etwas anderes getrunken haben. Aber was ist an dieser Art Bier noch normal, einfach?

Die Verfügbarkeit. Der Preis. Durch die Marktdominanz von Großunternehmen wie Heineken, denen die BrauUnion gehört, sind die ihnen unterstellten Brauereien im Wettbewerb fast unschlagbar. Als Kleinbetrieb kann man mit solchen Preisen nicht mit. Kann nicht das all-inclusive Service eines großen Industriebetriebs inkl. Schank und deren Service bieten.
Kleine Betriebe, manchmal Ein-Personen-Unternehmen, können ihr Bier gar nicht so billig anbieten, und bespielen deshalb ein bisher fast freies, höheres Preissegment. Natürlich nährt das wiederum den Mythos, dass das “einfache” Bier, das “Hacklerbier”, nunmal bei den Marken von Heineken etc. zu finden sei. Eine Zwickmühle für alle Kleinbrauereien, die qualitativ ganz ausgezeichnetes Lager herstellen.

Wie kommen wir da wieder raus? Bei uns Konsument*innen, aber auch bei Lokalbetreiber*innen muss ein Umdenken stattfinden. Ein Umdenken, was unsere Lebens- und Genussmittel betrifft. Dass eben nichts “normal” daran ist, dass einige wenige Großbetriebe den Markt so auf sich konzentrieren. Ihn für sich selbst zuschneiden. Es gibt unzählige Pils und helle Lager, die nicht aus Industriebetrieben stammen. Doch mit hohen Preisen und mangelnder Verfügbarkeit werden diese Biere, deren Verkauf noch direkt kleine Unternehmen stützt, gar nie eine breitere Masse an Konsument*innen erreichen können. Und dazu braucht es alle, denen die freie Bierszene am Herzen liegt. Dazu braucht es auch ein preislich differenziertes Sortiment in Lokalen. Nichts spricht gegen ein IPA um fünf Euro oder ein zehn Euro teures Imperial Stout auf der Karte. Aber wenn man alternativ dazu wieder Industriebier ausschenkt, spielt man erst wieder dem Mythos des einfachen Bieres aus Industrieanlagen in die Hände.

Wie es nicht gehen wird? Mit Schmach für Menschen, die lieber einmal kein IPA trinken. Mit der Weigerung, für ein großes Bier mehr als vier Euro (wird eh schon knapp…) zu zahlen. Und auch nicht mit der Arroganz gegenüber dem Genuss eines kühlen Blonden an einem heißen Tag. Aber alle Beteiligten werden daran arbeiten müssen, dass man die Begriffe des “normalen” und “einfachen” wieder zurückholt. Von der industriellen Herstellung zurück zur handgemachten Braukunst. Aber auch mit einer neuen Trink- und Genusskultur, die langsam etabliert werden muss.

Wie sehr ihr das? Hinterlasst doch einfach einen Kommentar!


Foto: Kurtis Garbutt (CC-BY)

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Klemens

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2 thoughts on ““Einfach nur ein Bier, bitte!” ☝️”

  1. Komisch, in meiner Lieblingswirtschaft in die ich jetzt seit über 30 Jahren gehe kostet ein Bier 2 € und ich habe nicht den Eindruck daß der Wirt am Hungertuch nagt

    1. Hängt halt davon ab welches Bier, zu welchem Einkaufspreis, wo bezogen, wie viel die Schankanlage gekostet hat und an Wartung kostet, wer letztere durchführt…
      Ich würd’s mir wünschen, dass man Kleinbrauereien für ein großes unter 4 Euro bekommt, aber aktuell ist das wohl maximal im Direktverkauf realisierbar. Das hat ja auch andere Gründe als die pure Lust auf ein höheres Preissegment: Die zahlen mehr für die Rohstoffe und die Verpackungsmaterialien die sie beziehen, haben keinen so guten Distributionsweg, sollen daneben noch Werbung machen. Da geht sich keine große Gewinnspanne mehr aus.

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