Brüssel – Zwischen Gueuze-Museum und Citrus-IPA

Wenn Robby Haesebrouck fragt, ob man mit ihm und Misho Omar, drei der besten Brauereien Österreichs und einigen anderen Enthusiast*innen nach Brüssel fahren möchte, dann überlegt man besser nicht zu lange. Robby ist Geschäftsführer des Tribaun in Innsbruck und hat zusammen mit Misho eine neue, unabhängige Bierkultur nach Österreich geholt. Misho ist inzwischen Geschäftsführer des 2018 in Wien eröffneten Ammutsøn, mit dem er in der Szene der Bundeshauptstadt neue Maßstäbe setzt. Sie gelten als Botschafter unabhängiger Kleinbrauereien, kaufen und importieren ihr Bier selbst. Dadurch haben sie ein großes Netzwerk in ganz Österreich und Europa.

Im Rahmenprogramm des langen Wochenendes: ein Besuch bei der Brasserie Cantillon, der Brouwerij 3 Fonteinen, der l’Ermitage Nano Brasserie und En Stoemelings ebenso wie ein von Robby und Misho zusammen mit Jean Moeder organisierter Tap Takeover am 30. März im Moeder Lambic Fontainas, einer Institution unter den Brüsseler Bierbars. Mit dabei: 16 Biere von Alefried, Bevog und Bierol.

Sudkessel der Brasserie Cantillon.

Bei Cantillon haben wir Glück, da wir einen der letzten Brautage des Jahres erwischt haben und sind live dabei, wenn die Würze in das große Kühlschiff gepumpt wird. Hier kühlt sie über Nacht und zieht die berühmte Wildhefe der Region Brüssel an. Im kleinen, urigen Gastraum bekommen wir Schätze wie eine Gueuze aus dem Jahr 2004 aufgetischt. Die Intensität des Bieres steigert sich in den 15 Jahren fachgerechter Lagerung in der Flasche unheimlich. Das ist intensiv sauer, honigähnlich süß, und ähnelt in seiner leicht öligen Struktur einem Wein. Cantillon braut seit Jahren mit Bio-Rohstoffen und an jedem Tropfen merkt man die Hingabe, die diese Brauerei in ihr Bier steckt. Und auch muss.

Der Gastraum von Cantillon.

Wie alle anderen Lambic-Brauereien musste Cantillon in der 60ern und 70ern eine lange Durststrecke durchlaufen. Davon merkt man inzwischen nicht mehr viel. Die Nachfrage stieg in den letzten Jahren enorm, daher limitiert Cantillon auch den Verkauf von besonderen Veröffentlichungen teilweise stark. In den paar Stunden, die wir vor Ort sind, werden mehrere Lieferungen nach ganz Europa verpackt und abtransportiert, daneben holen sich Einheimische einen frischen Karton Gueuze für zu Haus und amerikanische TouristInnen kommen hierher, um sich das Angebot vor Ort anzusehen.

Der Taproom von l’Ermitage.

Direkt um die Ecke der Brassiere Cantillon befindet sich die l’Ermitage Nano Brasserie. Im Hinterhof eines von außen unscheinbaren Wohnhauses befinden sich Taproom und Brauerei. Die ehemalige Werkstatt wurde kunstvoll mit Wandmalereien und Illustrationen ausgestaltet. Nichts hier schreit belgische Tradition, viel mehr bekommt man New England Session IPAs, Coffee Stouts und ein ausgezeichnetes Grapefruit IPA. Das Rezept für letzteres stammt von Berto, dem Barmann Cantillons, der privat seiner Liebe zu Hopfigerem frönt.

Die Brauerei l’Ermitage.

Die Nachfrage nach den Bieren der charmanten und ausgesprochen jungen Brauerei ist groß. Bier, das hier in Fässer abgefüllt wird, ist meistens bereits verkauft wird uns erzählt. Neben der vielen Kunst gibt es hier prinzipiell einen zweiten Fixpunkt: die Menschen hinter Cantillon. Durch die geringe Entfernung besteht reger Austausch zwischen den beiden Brauereien, denn l’Ermitage öffnet wenn Cantillon schließt. Auch andere BrauerInnen und Bar-MitarbeiterInnen trifft man hier an. Man genießt die lockere Atmosphäre, das gute Bier und den Witz der l’Ermitage-Crew, während ein eklektischer Mix aus Pop, Indie Rock, Punk und Hip Hop aus den Lautsprechern schallt.

Foeder im Lagerraum von 3 Fonteinen.

Am nächsten Tag nehmen wir den Zug nach Lot, Berseel, wo wir eine Tour durch das Lambik-O-Droom der Brouwerij 3 Fonteinen bekommen. 3 Fonteinen ist zusammen mit Cantillon eine der großen traditionsreichen Lambic-Brauereien. Wobei das Brauen nicht die selbe Tradition im Haus hat, denn bis 1998 wurde bei 3 Fonteinen nur Würze anderer Brauereien verarbeitet und geblendet. Inzwischen brauen sie aber selbst, allerdings an einem anderen Standort. Hier, etwa 10 Kilometer außerhalb von Brüssel, werden die Biere vor allem gelagert, geblendet, abgefüllt und in einem eigens temperierten Raum in der Flasche weiter vergoren.

The infamous “hotbox”.

2009 war es ein technisches Problem in einem Flaschengärungsraum (liebevoll “The Hotbox”) genannt, das fast für den Konkurs gesorgt hätte. Ein kaputter Thermostat hatte über Nacht für Temperaturen jenseits der 60° Celsius gesorgt. Flaschen explodierten, die Arbeit eines ganzen Jahres war zerstört. Aus den noch genießbaren Resten wurde 6.000 Flaschen eines Eau de vie namens „Armand’Spirit 2009“ gebrannt, deren Verkauf dem Wiederaufbau der Brauerei zugute kam. Inzwischen befindet sie sich in einem Hoch. Das merkt man auch im Lambik-O-Droom, wo der moderne Gastraum pulsiert und man eine breite Auswahl genießt.

Ein schlechtes Foto eines besonderen Moments: Jean-Pierre und Claude van Roy mit Misho.

Zum Abendessen finden wir uns wieder Brüssel, genauer gesagt im im Les Brigittines ein, wo Dirk Myny klassisch belgische Küche auf hohem Niveau serviert. Dazu gibt es ausgezeichneten Naturwein und eine Flasche „Cantillon Chouke“, welches eigens für Les Brigittines und die Sandwich-Bar Pistolet Original geblendet wird. Die Besonderheit an diesem Bier ist, dass ein Teil des Blends in Armagnac-Fässern reift.

Die wirkliche Besonderheit ist allerdings, wenn Misho Omar plötzlich im Raum verschwindet, um von einem Nebentisch mit Jean-Pierre van Roy und seiner Frau Claude Cantillon im Arm zurückzukehren. Jean-Pierre und Claude sind die Eltern des aktuellen Geschäftsführers und Brauers Jean van Roy. Sie geben uns einen kurzen Abriss der Geschichte Cantillons in den Sechzigern und Siebzigern, der wohl schwersten Zeit für die Brasserie Cantillon. Jean-Pierre, in die Familie Cantillon eingeheiratet, war Ende der Sechzigerjahre der einzige mit dem Willen die Brauerei zu übernehmen. Die Siebziger waren gezeichnet von sinkendem Umsatz und dem Versuch, die Biere zu süßen um dem aktuellen Geschmack zu entsprechen. Doch Jean-Pierre und Claude fanden zurück zur traditionellen Methode und öffneten die Brauerei für zusätzlichen Umsatz für die Öffentlichkeit als “Museum van de Geuze”.

Auch der Samstag startet stark. Wir besuchen Malt Attacks, einen kleinen Craft-Bier-Shop in Saint Gilles. Auf wenigen Quadratmetern Bewegungsraum bietet dieser Shop alles, was das Beer-Geek-Herz sich wünscht: Musik von der Schallplatte, volle Regale soweit das Auge reicht, zwei prall mit IPAs gefüllte Kühlschränke, ein eigenes Lambic-Regal. Wir nehmen Ballast für die Rückreise mit und machen uns auf den Weg zum Manneken Pis, wo der Fußball-Fanclub der Union Saint-Gilloise, der enge Verbindungen mit Cantillon hat, heute ein großes Event veranstaltet. Um Punkt 12 fließt „Curieuse Neus“, ein Tripel von En Stoemelings aus dem Manneken (ja, genau). Davor zapf Jean van Roy „Cuvée Saint-Gilloise“, dem eigens für die Mannschaft kreierten Blend. Bei der Afterparty im Gist, einer der aktuell angesagtesten Craft-Bier-Bars der Stadt, werden Cantillon Biere zu einem Sonderpreis ausgeschenkt. Wir sitzen zufrieden in der Sonne, die auf die Jaques-Brel-Statue vor uns scheint.

Moeder Lambic am Place Fontainas.

Nach einem aufschlussreichen Bier- & Käse-Pairing bei La Fruitiere, bei dem wir ausgezeichnete Käse mit Bieren von l’Ermitage, Cantillon, Alvinne und En Stoemelings aufgetischt bekommen, finden wir uns am Place Fontainas ein. Das Wetter bleibt auch für “The Austrian Show” am Abend perfekt. Robby und Misho haben 16 Biere von AlefriedBierol und Bevog und deren Brauer mitgebracht. Das Lokal ist bis tief in die Nacht voll. Hinter uns fallen immer wieder die Namen “Padawan”, “Zirbe” und “Kramah”, die umliegenden Tisch sind voll mit Bieren der österreichischen Brauereien. Man kann eigens geblendetes Sauerbier von Alefried, Neuheiten wie das „MK Ultra“ von Bierol oder einen handgepumpten „Jazzy & Blues“ Barley Wine von Bevog verkosten. Am späteren Abend, wir sitzen unter dem beleuchteten Überdach des pulsierenden Lokals, kommt Jean Moeder plötzlich an unseren Tisch und beginnt uns Vintages von 3 Fonteinen, Cantillon und Tilquin zu servieren. Ein gelungener Abend, zu dem man den Veranstaltern und den Brauern nur gratulieren kann!

En Stoemelings Taproom – mitten in der Brauerei und sehr patriotisch.

Sonntag Mittag sind wir dementsprechend wach, als wir auf Einladung von Susanne Gosch von VisitFlanders die Brauerei En Stoemelings besichtigen. Die Anlage steht in einem völlig neuen Industriekomplex im Brüsseler Nordwesten und ist nach Passivhaus-Prinzip gebaut. Junge UnternehmerInnen bekommen hier einen Platz, schräg gegenüber von En Stoemelings ist mit der Brasserie No Science eine weitere Brauerei beheimatet. En Stoemelings begannen mit dem Brauen, als es kaum noch Brauereien im Brüsseler Stadtgebiet gab, und haben sich mit klassisch belgischen Bieren mit einem Twist einen Namen in der Szene gemacht. Knapp 95% der Produktion bleiben aktuell in Brüssel. Zum Abschluss lädt Susanne Gosch uns noch in die Pizzeria Otomat, die ihren Pizzateig mit Duvel-Hefe herstellt. Ein würdiger Abschluss für eine faszinierende Reise in die Brüsseler Craft-Szene, in der Tradition und Innovation eng zusammenarbeiten und sich gegenseitig weiter pushen.


Der Artikel erschien zuerst am Blog von craftbierfest.at unter dem Titel “Brüssel & Lambic: Zwischen Tradition und Hype”. Für die Bearbeitung danke ich Kevin Reiterer, für erstes Lektorat Mateja, Bettina und Georg.

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Klemens

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